[Artikel] Wolly Books – flauschige Buchstabenliebe

Höher, weiter, schneller – aber bitte sofort!

In der heutigen Zeit muss alles imposanter sein. Man braucht die Ergebnisse auf der Arbeit schneller, die Erfolge müssen größer sein und generell wird das ganze Leben immer rasanter. Es fehlt der Rückzugsort, der Ausgleich zu diesem stressigen Alltag, der einem teilweise alles abverlangt und uns auslaugt. Leistungsdruck und der Gedanke ans Versagen schwingen in allem mit, was wir tun. Umso wichtiger ist es, dass wir uns in der Hektik ein paar Kniffe erhalten, wie wir uns wieder erden können, runterkommen und entspannen. Aber wie geht das? Natürlich kann man diese Frage nicht pauschal beantworten, denn jeder Mensch ist ein Individuum. Während der eine beim Bungee-jumping vollkommen abschalten kann, versucht es der andere mit Yoga und der nächste schlüpft in die Wohlfühlklamotten und startet Netflix.

 

Was bedeutet mein persönlicher „Wunderraum“ für mich?

Ich als freiberufliche Lektorin darf in den Genuss kommen, von zu Hause aus arbeiten zu können und gleichzeitig einen persönlichen Wunderraum zu haben: mein Bücher- und Arbeitszimmer. Umgeben von Literatur in jeglicher Form, fühle ich mich nicht nur beim Arbeiten wohl, sondern kann so auch gleichzeitig auf einen unerschöpflichen Vorrat an Kreativität zurückgreifen. Wenn ich mal eine Pause brauche, drehe ich mich einfach um und betrachte meine Regale voller Bücher. Ich schwelge in Erinnerungen, zu welcher Zeit ich beispielsweise dieses oder jenes Buch gelesen habe, nehme mir ein besonders hübsches Werk zur Hand und träume mich an fremde Orte. Doch so viele Vorteile die Selbstständigkeit auch bringt – es ist ein stressiger Job. Egal, was andere behaupten, wenn du dir erst mal ein gut laufendes Geschäft aufgebaut hast, werden die Freiräume immer weniger. Versteht mich nicht falsch! Es ist super, wenn das Auftragsbuch aus allen Nähten platzt, denn ich liebe meine Arbeit und empfinde sie nicht mal als solche. Trotz allem fehlt aber irgendwann der Ausgleich. Doch was tun wir in einer solchen Zwickmühle?

Ein Beispiel für dauerhaften Stress liefert uns die Heldin aus Allison Pearsons „Wenn´s weiter nichts ist“. Sie ist zweifache Mutter von pubertierenden Teenagern, kümmert sich liebevoll um ihre kränkelnden Schwiegereltern, die zunehmend auf Hilfe angewiesen sind, und meistert gerade wieder den Jobeinstieg – der alles andere als ruhig von statten geht -, weil ihr Mann diesem Hamsterrad soeben den Rücken gekehrt hat. Hier wird schnell klar, dass die Protagonistin wohl keine freie Minute für sich hat und etwas geändert werden muss. Wie sie das schafft, könnt ihr in „Wenn´s weiter nichts ist“ nachlesen (hier geht es zum Buch *klick*).

 

Den Ausgleich schaffen – aber wie schafft man das?

Ich muss gestehen, dass sich meine persönliche Lösung erst vor ein paar Monaten gezeigt hat. Bisher habe ich das Lesen immer und in jeder Lebenslage als meine Leidenschaft angesehen. Wo ich war, war auch stets mindestens ein Buch. Das war wie ein Gesetz. Doch wenn man beruflich mit Büchern zu tun hat, ist das nicht mehr ganz so einfach. Ich habe irgendwann gemerkt, dass es mir immer schwerer fiel, den PC auszumachen und mich meiner privaten Lektüre zu widmen. Kein Wunder, immerhin steckte ich ja gedanklich noch in der Arbeits-Story. Frust machte sich breit, weil ich meine Gedanken nicht auf das Freizeit-Lesen fokussieren konnte und das Gefühl hatte, nicht vorwärts zu kommen oder der Geschichte nicht die Aufmerksamkeit widmen zu können, die sie verdiente. Mein Mann meinte dann lapidar, dass ich mir doch einfach ein anderes Hobby zulegen sollte. Was für ein Frevel! Ein anderes Hobby? Für einen Bücherwurm wie mich? Niemals! Aber dann las ich in einem Buch, dass die Protagonistin es sich auf dem Sofa mit ihrem Strickzeug gemütlich machte und die Zeit vergaß. Moment mal, früher hast du doch gerne gehäkelt. Konnte die Lösung so einfach sein?

 

Altes Hobby, neu belebt

Konnte sie! Als ich das besagte Buch weiterlas, war meine Kreativität sofort angeregt und ich überlegt noch auf der gleichen Seite, was ich häkeln könnte. Wolle und Material waren schnell organisiert und schon am nächsten Tag zum Feierabend saß ich in meinem Lesesessel und fertigte meine erste Buchhülle an. Ich merkte, wie ich mich entspannte, wie der Alltag von mir abfiel und ich mich in meine Gedankenwelt flüchten konnte. Ich dachte über Formulierungen für den nächsten Blogbeitrag nach, durchlebte etwaige Szenen aus meinem Arbeits-Manuskript aufs Neue oder feilte an meinen eigenen Geschichten – der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Das zog ich ein paar Tage so durch und siehe da – egal, wie sehr meine Gedanken während des Häkelns auch rasten, der Effekt war nach etwa einer Stunde immer derselbe: Mein Kopf war leer, die See in mir ruhig und ich bereit, neue Abenteuer zu erleben. Und dann kann ich jedes Mal zum Buch greifen und mich vollkommen in diese fremde Welt fallen lassen, weil mich das Handarbeiten zuvor geerdet hat. Besonders schöne Stunden können einem hier die Bücher aus dem Wunderraum-Verlag bieten, da sie nicht nur optisch ein Highlight sind, sondern auch eine Tiefe und Einzigartigkeit besitzen, die man selten findet. Philosophisch, emotional, packend.

 

Euer Wunderraum – was müsst ihr tun?

Wie schon zuvor erwähnt, ist das bei jedem anders. Manche fühlen sich bei ihren Büchern wohl, andere in einer belebten Umgebung. Aber das Gefühl, das sollte immer das Gleiche sein. Geht tief in euch. Was macht euch glücklich? Was zaubert euch ein Lächeln auf die Lippen? Ich habe meinen persönlichen Wunderraum erst letzten September entdeckt. Da sind wir nämlich umgezogen und der Traum vom eigenen Bücherzimmer ist wahr geworden. Als ich dann so in meinem Sessel saß, zu meiner Linken Regale voller Büchern, zu meiner Rechten ebenso, da hat sich auf einmal diese absolute Zufriedenheit in mir breitgemacht. Ich wusste: Das ist mein Platz, mein Rückzugsort, meine Oase. Für mich ist es absolut wichtig, so einen Ort zu haben, denn hier weiß ich, dass ich zur Ruhe kommen kann – sei es lesend oder mit einem Wollknäuel zur Hand. Habt keine Angst davor, in euch zu horchen und herauszufinden, was euch erdet. Vielleicht braucht es eine Weile – vielleicht auch eine größere wie bei mir -, aber irgendwann werdet ihr euer Ritual finden, mit dem ihr zur Ruhe kommt. Vielleicht ist es ein Ort im Freien? Eine Wiese? Ein Waldabschnitt? Eventuell ist es eine besondere Musikrichtung oder ein Film? Genauso gut kann es eine Sportart sein oder auch die klassische Meditation. Habt Mut, euch auszuprobieren, und dann werdet auch ihr euren Wunderraum finden. Ich kann euch sagen: Es ist ein großartiges Gefühl, wenn es soweit ist!